Die Teilnehmer:innen der Reise stehen als Gruppe zusammen

Die Teilnehmer:innen der Pfingsreise 2024

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Pfingstreise im Jubiläumsjahr 2024

Anthroposophische Tagung zum Landwirtschaftlichen Kurs Pfingsten 1924

Ein Erfahrungsbericht von Edgar Schäfer

Etappen der Jubiläumsfahrt vom 16. bis 20. Mai

Erster Tag

Am Donnerstag, den 16.05.2024 um 15:00 Uhr fanden sich 47 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Bahnhof in Wroclaw ein. Wir wurden sehr herzlich von Pawel Bietkowski, dem Vertreter der polnischen Demeter-Bewegung und von Ute Rönnebeck, der Leiterin von Demeter im Westen, in Empfang genommen. 

Weitsichtig und den Erwartungen der Teilnehmer*innen entgegenkommend, durften wir nach kurzer Zugfahrt eine erste eindrückliche Begegnung mit dem Schloss Koberwitz und dessen Park haben. In freudiger Erwartung und mit großem Staunen betraten wir den Ort, an dem zu Pfingsten 1924 der landwirtschaftliche Kurs von Rudolf Steiner gehalten wurde. Ein renoviertes und farblich sehr ansprechendes Gebäude fesselte unseren Blick. Es ist heute der Rathaussitz der Gemeinde Koberwitz. 

Nach einem Gang durch den Park zum nahen Teich und an über einhundert Jahre alten Eichen vorbei, brachte uns ein Bus nach Makowice. Dort standen ein Schlösschen mit Teich, das unser Tagungsort werden sollte, einer Kirche nebenan und im Hintergrund eine große Landwirtschaft. Welch eine gute Wahl! Bald wurde dieses Schlösschen einem zur vertrauten Hülle, in dem vorzüglich für unser leibliches Wohl gesorgt wurde.
 
Am Abend begrüßte uns Pawel Bietkowski mit sehr warmherzigen Worten und ließ uns anknüpfen an das Landwirtschaftstagungsgeschehen zu Pfingsten vor 100 Jahren. Geistbewusst und mit tiefer Freude brachte er zum Ausdruck, was dieser, sich hier eingefundene Menschenkreis für den Geistimpuls der Demeter-Bewegung in Polen und Deutschland bedeutet und er bedankte sich für die Bereitschaft der Teilnehmer*innen, diese Reise auf sich genommen zu haben.
Angeregte Kennenlerngespräche prägten die Stunden vor der ersten Nacht.

Zweiter Tag

Am nächsten Morgen wurde die erwachende Natur mit einem Lied begrüßt. Eine Lobpreisung des Schöpfers in Worten des Grafen von St. Germain, die wir dann jeden Morgen hören durften, gab uns eine wunderbare Einstimmung in den Tag.
Nach dem wohlschmeckenden, kräftigenden Frühstück vertieften wir uns in den Wortlaut des vierten Vortrages des Landwirtschaftlichen Kurses. Durch die Bilder und geisteswissenschaftlichen Offenbarungen konnten wir an die Ideen, Gedanken und Erfahrungen anschließen, die unserem täglichen Tun auf den Höfen oder anderen Lebensfeldern zu Grunde liegen. Vertraut und gleichzeitig zeitlos neu wurde unser Blick mit Hilfe von Marcel Waldhausen auch in die Düngerfrage hinein vertieft.

Nach dem Mittagessen empfing uns der biologisch-dynamische Betrieb „Ekolomia“ in Jazwina der auf Initiative von Herrn Michael Korff und seiner Frau aufgebaut wurde, und jetzt in neue Hände zur Weiterführung übergeben werden soll. Ein neuer Offenstall, der helfen soll, leichter zur Konzentration und Handhabung des Mistdüngers zu kommen, bildete einen kräftigen Eindruck von der nächsten baulichen Entwicklungsstufe dieses Hofes. Im Endmoränengebiet liegend und Geschiebelehm und Granitverwitterungsböden als Grundlage habend, ermöglicht der Hof sehr erfolgreichen Getreidebau. Die Ernte wird über eine große neue Getreidereinigungsanlage zum Verkauf in angrenzende europäische Länder aufbereitet. Auch der Gemüseanbau gelingt gut, findet einen leichten Absatz und erfährt deshalb eine immer größere Anbaufläche. Einem Schmuckstück gleich strahlte uns der neuaufgebaute Hof entgegen und es bleibt zutiefst zu wünschen, dass eine geeignete Nachfolge gefunden wird.

Zurück in Makowice wurden wir nach köstlicher Abendverpflegung durch Herrn Pawel Bietkowski in die Entwicklung der biologisch-dynamischen Bewegung nach dem Landwirtschaftlichen Kurs in Polen eingeführt. Er äußerte große Dankbarkeit dafür, dass er diesen vielfach unbekannten dramatischen Verlauf erstmals einer Hörerschaft mitteilen konnte. Die Trägerschaft des neuempfangenen geisteswissenschaftlichen Impulses in Polen fand darin eine tiefe Würdigung und wurde dadurch auch in das Geistesgeschehen dieser Tagung wie hereingerufen und damit ins Bewusstsein der europäischen Demeter-Bewegung erhoben. Mit der Hofbesichtigung und der Aufnahme der Geschichte der polnischen Demeter-Bewegung vollzog sich eine nächste Stufe des Ankommens und Verbindens mit dem geographischen Ort, der geistigen Trägerschaft der landwirtschaftlichen Bewegung in Polen und dem Begründungsgeschehen in Koberwitz. Bewegt und dankbar wurde das Erfahrene in die Nacht genommen.

Dritter Tag

Der nächste Tag, Samstag, der 18. Mai, war dem Besuche des Gutshauses Koberwitz gewidmet, in dem der Landwirtschaftliche Kurs stattfand und in dem Rudolf Steiner, Marie Steiner, Elisabeth Vreede, Günther Wachsmuth und viele andere Unterkunft fanden. Herr Marcel Waldhausen gab uns die Führung in zwei Gruppen und es war möglich, trotz aller äußeren Veränderung, sehr tief in die inneren und äußeren Abläufe dieser Tage des Landwirtschaftlichen Kurses einzutauchen. Schon am Tag zuvor führte er uns umfassend in die räumlichen Verhältnisse und zwischenmenschlichen Fragestellungen ein. Es gab genügend Zeit für´s Betrachten und Aufbauen von Vorstellungen auch durch die exzellenten und detailreichen Kenntnisse, die uns Herr Marcel Waldhausen bildreich vortrug. So wurde in feiner Weise nacherlebbar, in welcher Verfassung Rudolf Steiner in Koberwitz ankam, und welche Verwandlung und Kräftigung er aus der außerordentlichen tiefen Vorbereitung des Hauses Keyserlingk erhielt. Manche Teilnehmer*innen drangen im wahrnehmenden Erfassen bis zum Frieden, der in dieser Pfingstzeit vor 100 Jahren über Koberwitz lag, vor.


Noch tief unter diesen Eindrücken stehend, fuhren wir dann nach Wroclaw (Breslau) ins Hotel „Polonia“, in dessen Saal Rudolf Steiner schon früher Vorträge gehalten hatte. Dort empfing uns Prof. Dr. Monika Rzeczycka, um uns in einem Vortrag mit Bilddokumenten das Wirken von Rudolf Steiner in Breslau (Wroclaw) zu eröffnen. In ihren Forschungen stieß sie auf einen besonderen Zusammenhang des Abschiedsmomentes Rudolf Steiners nach dem Landwirtschaftlichen Kurs im Festsaal des Hauses „Matthiaskunst“ auf einer der Oderinseln, das ein Forschungsinstitut war, und von Johann Wolfgang von Goethe besucht wurde. Mit dieser Wahl des Abschiedsortes kam zum Ausdruck, dass mit dem Landwirtschaftlichen Kurs etwas gereicht wurde, was Anthroposophie letztlich den Weg ganz bis in die praktische Anwendung beschreibt, Anschluss an Goethes Naturforschung nahm und selbst angewandte Forschung ermöglicht.

Die anschließende Stadtführung schenkte uns ein drittes großes Bild: Die Entwicklungsgeschichte von Breslau (Wroclaw) und unseren Zusammenhang mit diesem wechselvollen und auch leidvollen Geschehen.
Mit diesen reichen Eindrücken endete unser dritter Tag.

Vierter Tag - Pfingsten

Im vertrauten Kreis und in Pfingsterwartungsstimmung  begrüßten wir im vierstimmigen Kanon den Pfingstsonntagmorgen und lauschten dann den Worten des Grafen von St. Germain.

Nach dem Frühstück schenkte uns Herr Marcel Waldhausen einen Vortrag über die fünf Stufen der Entwicklung eines landwirtschaftlichen Hoforganismus (Es ist auch ein Entwicklungsweg für andere anthroposophische Einrichtungen). Allen Teilnehmer*innen wurde dies ein höchstes Geistgeschenk, indem erlebt werden konnte, was es heißt, dass der Hoforganismus sich zu einer „Art Individualität“ entwickeln kann, und welche Geistwesenhaftigkeit sich in dieser „Individualität“ inkarniert.
Der Gang in die Kirche und die hochspirituellen Worte von Herrn Marcel Waldhausen zum Pfingstgeschehen, ließ uns zu einer kleinen Pfingstgemeinschaft zusammenwachsen.

Anschließend gingen wir zu Fuß nach Kreisau und der dortigen Lebensgemeinschaft. Dort nahmen wir unser Mittagessen ein und wurden durch eine Führung in den geschichtsträchtigen Ort der verborgenen Widerstandsbewegung gegen die nationalsozialistische Diktatur eingeführt. Auch der Versuch und die Schritte der Versöhnung zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk wurden mitempfindbar.


Die größte Holzkirche in Swidnica (Schweidnitz) durften wir anschließend besichtigen und zu unserer sehr großen Überraschung hatte das Vorbereitungsteam uns ein Pfingstgeschenk vorbereitet: Ein großartiges Orgelkonzert, ein musikalisches „Highlight“ erfüllte und rundete in schönster Weise unser Tagungsgeschehen ab.

Die Abschlussrunde zu dieser Tagung spiegelte die außerordentliche Gemeinschaftsbildung der Teilnehmer*innen. Tiefste Dankbarkeit wurde dem Vorbereitungsteam zum Ausdruck gebracht und es wurde der Wille gespürt, die Verantwortung gegenüber dem Geistimpuls für die Landwirtschaft vor 100 Jahren und dem Geistgeschehen in dieser Tagung zu Pfingsten 2024 in die Welt zu tragen und fruchtbar zu machen. Es war ein Herzensgefäß für die Geistsubstanz dieses Augenblickes geschaffen worden. 

Dass ungefähr ein Drittel der Teilnehmer*innen junge Menschen waren, die Höfe und Gärtnereien neu begründen oder übernehmen, wurde mit besonderer Freude und Anerkennung erlebt.

Mit tiefgefühltem Dank im Herzen verabschiedeten wir uns von Herrn Marcel Waldhausen, Frau Ute Rönnebeck, Herrn Pawel Bietkowski, Herrn Waldemar Fortuna und Frau Marta Kozlowska.

Edgar Schäfer 

(ehemaliger Lehrer auf Schloss Hamborn)

 

Eindrücke der Teilnehmer:innen

„Ich lese seit ein paar Tagen "Koberwitz 1924" und fühle mich so mittendrin, weil zu allem konkrete Bilder und Geschichten da sind. Ich bin zutiefst bewegt und beeindruckt.“                                              

Steffi Herkenrath

„Besonders berührt haben mich zwei Dinge: zum einen dass es sechs Paare gab wo ein Elternteil(Mütter!!!) und en Kind zusammen die Tagung besuchten und überhaupt die vielen jungen Menschen, die an der Tagung teilgenommen haben und nun diesen Impuls mit auf ihre Höfe, in ihre Lebenszusammenhänge und ihre Arbeit nehmen werden. Sie sind unserer Zukunft!!“

Barbara Leineweber

„Pfingsten ist kein Fest, das wir „mal eben schnell nebenbei“ verstehen. So ähnlich lauteten die einführenden Worte von Marcel Waldhausen, als unsere Tagungsgemeinschaft am Pfingstsonntag in der kleinen Kapelle neben unserem Palai saß. Wir, eine Gruppe von 47 Menschen die größtenteils aus Deutschland angereist waren, durften während der Pfingsttagung in einem großen Palais leben, das sich in Markowitsch befand, einem kleinen Örtchen südlich von Breslau.“

Anke Schupelius

„Mit einer kleinen Gruppe von nicht einmal fünfzig Menschen waren wir viele hundert Kilometer im Osten, zu Gast in einem Nachbarland, in dem heute eine andere Sprache gesprochen wird als vor hundert Jahren. Zu diesem besonderen Moment – dem 100. Pfingstfest seit den grundlegenden Ausführungen Rudolf Steiners vor den damals etwa 130 Teilnehmern des Kurses – durften wir noch einmal an diesem besonderen Ort sein. Das hat mich außerordentlich berührt, und ich frage mich: «Was ist meine Aufgabe, auf dass dieser Impuls Zukunft hat?“

Michael Fleck

„Ich bin dankbar, dass diese Tagung möglich gemacht wurde und bin sicher, dass dieses besondere Pfingstereignis durch die Teilnehmenden in den kommenden Jahren in alle Regionen und Lebensbereiche ausstrahlt. Der historische Moment, in dem wir uns alle befunden haben, wird erst jetzt richtig bewusst - das wird in Gesprächen immer wieder deutlich.“

Gabi Heringhaus